Arbeit mit sozialen Randgruppen

Ansteckend

Selbsterfahrene Hilfe wird zur Motivation anderen zu helfen

Seit ein paar Monaten geht es Donnerstags lautstark und fröhlich im Hause von Zira (alle Namen geändert) zu. Lachen, Musik und immer wieder Trampeln von Kinderfüßen sind zu hören. Seit Dezember treffen sich regelmäßig Kinder im Wohnzimmer der Familie. Mit Begeisterung sind die 5 - 11 jährigen Jungen und Mädchen dabei, einfache englische Lieder zu lernen, beim Spielen rumzutoben, Neues beim Basteln auszuprobieren- oder im Gespräch sich über ein Thema auszutauschen. So dachten wir an einem Nachmittag darüber nach, wie man jemanden ermutigen kann – und warum Freundschaft so wichtig ist. Wir bastelten eine Kleinigkeit, um dies diese Woche jemanden zu schenken – einfach so. Strahlende Kinderaugen verabschieden sich: „Darf ich nächsten Donnerstag wieder kommen?“ ist die meistgestellte Frage.

Entstanden ist diese Gruppe unter Mithilfe der Mutter und Großmutter von einer Familie, mit denen wir schon lange Zeit arbeiten. Zira, die junge Mutter von drei 3 Kindern und Günse, die Großmutter, sind beide auf Hilfe angewiesen. Zira ist schwer krank und so muss ihre eigene Mutter, die selbst durch ihr früheres Leben durch Drogen und Alkoholabhängigkeit gezeichnet ist, ihre Tochter und deren Kinder versorgen. Die staatliche Versorgung reicht nicht aus für Miete, Ernährung, Kleidung, Schulbedarf und Medikamente. So manches Mal wäre der Tisch einfach leer, wenn nicht liebe Mitmenschen Lebensmittel vorbeibrächten und sie mit Kleidung versorgen würden…

Der Haushalt ist gekennzeichnet von der täglichen Sorge um die Kinder und der Gesundheit der Mutter. Eigentlich hoffnungslos. Und dennoch hat sich die Einstellung der Beiden verändert. Sie erlebten in den letzten Monaten Unterstützung und zuverlässige Zuwendung. Dieses und das gemeinsame Arbeiten an den Problemen haben in den beiden Frauen viel verändert. Waren früher Streit und auch mal handgreifliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung- ist heute eine andere Atmosphäre vorhanden. Selbst erfahrene praktische Hilfe und das Beistehen in der Kindererziehung, Anleitung zum neuen Umgang mit Emotionen und Sorgen, haben Hoffnung gebracht. Der Aufbau von einem Netzwerk an Kontakten, die in Krisen angerufen werden können, bei Bedarf zu einem Besuch kommen, sich um die Kinder kümmern, halfen der Mutter wieder neu aufzusehen und zu vertrauen. So lässt sie zum Beispiel ihre Überforderung nicht mehr ständig an den Kindern aus, sondern spricht diese anstatt dessen immer öfter mit Erwachsenen durch.

In diesem ganzen Prozess, der längst noch nicht zu Ende ist, wurde der Familie bewusst, dass es anderen Familien in diesem sozial benachteiligten Stadtviertel in vielem oft ähnlich geht. Zira sagte: „Ich bekomme so viel Hilfe. Nun möchte ich auch nützlich werden für andere.“ Und so stellen sie Woche für Woche ihr Wohnzimmer zur Verfügung, kochen Tee, heizen den Ofen und richten die Tische, damit wir basteln können. Wir freuen und uns auch über so manche Mutter, die ihre Kinder begleitet und dann einfach beim Tee in der Küche während der Kindergruppe wartet.

Und wir haben Träume für dieses Jahr: Wie können wir noch mehr Kinder einladen und die Gruppe auf 2x die Woche erweitern? Können neue Mitarbeiter dafür gewonnen werden und parallel mit den Kindern eine Gruppe für die Mütter aufgebaut werden?

In der Zwischenzeit ist Zira, die Gastgeberin, gestorben. In den Wochen danach konnte der Nachmittagstreff weiterhin in der Wohnung stattfinden. Es kamen immer mehr Kinder. Doch nun musste die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen und wir suchen dringend nach neuen Räumlichkkeiten...

Wie Anna* ein neues Zuhause fand

Es war ein kalter Wintertag im Februar, als meine Kollegen beim Straßeneinsatz Anna kennenlernten. Sie war 59 Jahre alt, hatte schwere Verletzungen an Armen und Beinen und hätte ohne unsere Hilfe wohl nicht überlebt. Wir nahmen Anna sofort als Notfall in unser Frauenhaus mit auf, wo sie medizinische Behandlung und Pflege erhielt.

Normalerweise sind wir vorsichtiger und bauen zunächst mehrere Wochen den Kontakt zu einer Person auf, bevor wir sie in unsere Obhut aufnehmen. Dabei prüfen wir, ob sie eine ehrliche Motivation für einen neuen Lebenswandel hat und bereit ist, der Straße und dem Alkohol den Rücken zu kehren. Anna jedoch war in Lebensgefahr. Keine Frage, dass wir ihr sofort halfen.

Bis zum Tod ihrer Eltern Ende der 90er-Jahre hat Anna ein normales Leben geführt, danach begann für sie und ihren Mann die Spirale abwärts. Miete und Lebensunterhalt wurden immer teurer, sie verloren die Arbeit und fingen an zu trinken. Mehrmals landeten sie auf der Straße, mit Zwischenaufenthalten in einem Rehazentrum für Alkoholabhängige. Als Ihr Mann starb, wurde es noch schwieriger für Anna. Eine neue Partnerschaft schien zu helfen, bis Verwandte des Mannes sie aus dem neuen Zuhause vertrieben.

Inzwischen ist Anna ein Jahr bei uns – mit einer kurzen Unterbrechung im letzten Frühjahr, weil sie einen Rückfall bekam. Heute ist sie gesundheitlich und seelisch stabil, bis auf eine leichte Gehbehinderung und Arthritis in den Fingern. Saß sie früher nur teilnahmslos, sich unnütz fühlend, herum, begegne ich heute einer Frau mit Motivation und Energie. Meist lächelt sie und freut sich über meinen Besuch. Sie hat Geduld entwickelt, ermutigt unsere neuen Bewohnerinnen und erträgt deren psychischen Probleme, was anfangs nicht der Fall war und oft zu Streit geführt hatte.

Anna strickt und näht fleißig und sucht sich mittlerweile im Internet neue Ideen. Ihre Dokumente sind inzwischen in Ordnung und die Einreichung ihres Rentenantrages war erfolgreich. Seit einiger Zeit bekommt sie ihre Rente ausbezahlt. Es macht Freude, die Fortschritte bei Anna zu sehen. Ganz aktuell ist sie dabei ihre Kinder zu suchen. Sie möchte den Kontakt zu Verwandten wieder aufbauen.

Nicht vielen gelingt wie ihr dieser Schritt, zurück in ein normales Leben. Aber diejenigen, die es sich wünschen, wollen wir tatkräftig dabei unterstützen.

*Namen geändert

In der Großstadt

Alkoholismus, häusliche Gewalt und Ausbeutung am Arbeitsplatz sind allgegenwärtige Probleme. In Zusammenarbeit mit vielen einheimischen Ehrenamtlichen entstand seit Herbst 2013 ein neues Projekt, welches sich auf die Obdachlosen konzentriert. Anfangs war hauptsächlich Straßensozialarbeit (Verteilung von warmen Mahlzeiten, warmer Kleidung und Kontaktaufnahme) angedacht. Es stellte sich jedoch sehr schnell heraus, dass der Bedarf wesentlich höher und die persönliche Not sehr viel größer ist. Jährlich sterben etliche Männer und Frauen durch Erfrierungen auf der Strasse. So wurde im Januar 2014 ein Obdachlosenhaus eröffnet, in dem unsere Sozialarbeiterin mit ihrem einheimischen Leitungsteam arbeitet. Neben der Notversorgung im Winter unterstützt das Team Bewohner, welche von dem Leben auf der Strasse aussteigen wollen und einen sozialen Wiedereinstieg in die Gesellschaft anstreben. Neben vielen Gesprächen, medizinischer und physiotherapeutischer Hilfe werden Unterstützung bei Behördengängen für die Erlangung von Ausweisen und Sozialansprüchen, Arbeitsplatzsuche und Kontaktaufnahme zu ihren Familien angeboten.

Ein weiteres Arbeitsfeld unserer Mitarbeiterin ist die Schulung, Beratung und Betreuung eines Teams, welches in einem vor kurzem eröffnetem Frauenschutzhaus arbeitet. Diese Einrichtung befindet sich zurzeit in der Aufbauphase. Hier werden Frauen ganzheitlich begleitet, die aus der Sexindustrie aussteigen wollen.

Durch die Straßenarbeit lernte unsere Mitarbeiterin viele bedürftige Familien kennen. Daraus entstanden enge Kontakte und die Betreuung einiger benachteiligten Familien mit mehreren Kindern.

Wie unsere Arbeit in Tadschikistan und Kasachstan begann:


In vielen Regionen werden Frauen und Behinderte sozial benachteiligt, besonders wenn sie zu ethnischen Minderheiten gehören. Sie sollen durch besondere Projekte gezielt unterstützt und gefördert werden. Bis Januar 2009 leitete unsere Dipl.-Sozialpädagogin ein Projekt von einheimischen Sozialarbeiterinnen, welches sich zur Aufgabe machte, die Wiedereingliederung von Kindern aus Institutionen in ihre Ursprungsfamilien zu ermöglichen. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts in Tadschikistan war die Schulung von weiteren Sozialarbeitern und anderen Berufsgruppen, die von staatlicher Seite her für Kinderheime und arme Familien zuständig waren.


Von November 2009 bis Frühjahr 2013 arbeitete sie in Kasachstan mit einer Hilfsorganisation. Neben der Verteilung von Hilfsgütern für Randgruppen in Kirgisien, Tadschikistan, Afghanistan und Usbekistan, werden ein soziales Café- sowie ein Englischzentrum und soziale Projekte angeboten. Schwerpunkt ihrer Arbeit war der Aufbau der sozialen Projekte, die Schulung von einheimischen Mitarbeitern, sowie die Förderung von einem sozialen Bewusstsein innerhalb des Gesamtteams. Aus dieser Arbeit entstand ein Hausbesuchsprogramm für einsame, kranke und behinderte Menschen. Zusätzliches Engagement gab es in Kinderheimen und Gruppen, bei Aktionen in verschiedenen Kinderheimen und in einem monatlichen sozialem Mitmachprogramm für Ehrenamtliche.