L wie Lampe

Ich klopfe an Nasra`s (alle Namen geändert) Haustür und kündige mich an. Ich trete ins Zimmer und Nasra begrüßt mich stürmisch. Ihr einjähriger Sohn Mohammed lacht mich an. Ein wenig später sitzen meine Teamkollegin und ich auf einer Matratze auf dem Boden - ganz der Kultur der Flüchtlinge entsprechend. In gemütlicher Runde plaudern wir mit Nasra, Sacdiyo und Salma und lernen einander besser kennen. Alle drei sind Flüchtlinge und hoffen auf ein besseres Leben in Amerika oder Kanada.

Wir verfolgen mit unserem Alphabetisierungs- und Englischprojekt einen ganzheitlichen Ansatz: Die Frauen sollen nicht nur Lesen und Schreiben und Englisch lernen, sondern auch in der Lage sein, gute Entscheidungen für sich und ihre Familien zu treffen. 

Heute ist das Thema „Hygiene“ dran. Wir erklären, wie viele Krankheiten durch Händewaschen vermieden werden können. Anhand Bilder, die eine Flüchtlingsfrau beim Händewaschen zeigen, demonstrieren wir die Vorgehensweise. Am Ende der Lektion bekommt jede der Frauen ein Handtuch und Seife.

Anschließend üben Hannah und ich mit Nasra und Sacdiyo Lesen und Schreiben. Die Frauen haben bereits einfache Grundkenntnisse. Ich übe mit den Frauen Wörter mit "L". Anschließend unterstreicht sie den Buchstaben „L“. Ich lasse meine Schülerin weitere Wörter, in denen „L“ drin vorkommt, vorlesen und jeweils dazu das passende Bild finden. Sacdiyo ist eifrig bei der Sache und zeigt mir stolz ihre Hausaufgaben, wo sie Buchstaben geübt hat. In dem Moment kommt eine neugierige Nachbarin ins Zimmer und grüßt uns scheu. Wer weiß, vielleicht wird sie unsere neue Schülerin?

Flüchtlingshilfe in Nairobi

Mitleiden und Mauern überwinden 

Guleed (Namen geändert) kommt schwerkrank in unsere Klinik. Krebs hat seinen Körper ausgemergelt. Obwohl die Ärzte ihr Bestes tun, ist schnell klar, dass er sterben wird. Sein Bruder Sharmake besucht ihn jeden Tag im Krankenhaus. Schließlich bekomme ich morgens einen Anruf von Sharmake, dass Guleed vergangene Nacht gestorben ist.

In der Kultur dieser Flüchtlinge gelten Trauer und Weinen als Sünde; denn Leben und Tod sind dem Willen Gottes unterworfen. Und doch sehe ich Tränen in Sharmakes Augen. Seine Religion schreibt vor, dass Tote innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden müssen. Ich begleite Sharmake zum Leichenschauhaus und dolmetsche dort für ihn.

Weitere Familienangehörige treffen ein. Ich drücke ihnen mein Beileid aus, und sie sind dankbar dafür. Durch das Vertrauen, das mir Sharmake entgegenbringt, werde ich im Angesicht des Todes zu einer von ihnen. Als der afrikanische Fahrer des Leichenwagens fragt, wer ich denn sei, antworten sie schlicht: „Sie gehört zu uns.“ Es zählt nicht mehr, dass ich eine andere Hautfarbe und Religion habe. Wichtiger ist, dass ich ihre Herzenssprache spreche und den Weg ihres Leides mitgegangen bin.

Es ist ein Privileg, so nah an den Menschen zu sein. Trotz Leid und Trauer, die ich immer wieder hautnah miterlebe, bin ich dafür dankbar.

Im Korridor der Klink treffe ich Njeri, sie ist Afrikanerin und Krankenschwester. Früher traute sie sich kaum, auf die Flüchtlinge unter ihren Patienten zuzugehen. Diese waren so anders von ihrer Kultur, Sprache und ihrem Aussehen her. Oft herrschen Misstrauen und Unverständnis. Auch Njeri ging es lange so: Wann immer es möglich war, ließ sie Kollegen die Flüchtlinge behandeln. Doch das hat sich geändert.

Seit Februar besucht sie meinen Sprachunterricht, in dem ich ihr die Sprache und Kultur der Flüchtlinge nahebringe. Seither sieht Njeri diese mit ganz anderen Augen und geht auf sie zu, um sie in ihrer Muttersprache zu begrüßen.