Altenheim in Tunesien

Eine Mitarbeiterin erzählt: 

Erwartungsvoll lässt sich Rahma auf einen Stuhl nieder, während meine Kollegin Sina und ich nach und nach leere Glasflaschen, Pinsel und unterschiedliche Farben auf dem Tisch platzieren. Dann endlich kommt der Flickenteppich zutage, an dem Rahma die letzten Wochen gearbeitet hat. Als sie noch jung war, haben ihre Finger geschickt Fäden und Stoffe zu kleinen Kunstwerken gewoben. Heute geht alles ein bisschen langsamer.

Die einst flinken Hände wollen nicht mehr so recht, und die altersschwachen Augen ermüden schneller. Trotzdem fädelt Rahma konzentriert lange, bunte Stoffstreifen durch den grob gewebten Stoff. Alle zehn Minuten legt sie die Handarbeit auf dem Tisch und verschwindet aus dem Aufenthaltsraum. Nach einige Minuten kehrt sie von ihrer kleinen Pause zurück, um weiterzuarbeiten. Schritt für Schritt, in ihrem ganz eigenem Stil und Tempo.

„Ein Altenheim in Tunesien? Ich dachte immer, in diesen Ländern leben Senioren bei ihren Familien und es gibt keine solchen Einrichtungen.“ Das höre ich immer wieder, wenn ich in Deutschland meine Arbeit vorstelle. Ich war zunächst ebenfalls erstaunt, dass es in unserer tunesischen Kleinstadt ein staatliches Altenheim gibt. Kulturell betrachtet genießen ältere Leute in Tunesien ein hohes Ansehen, und sie leben nahe oder bei ihren Kindern. Doch leider gibt es einzelne Senioren, die keine Verwandte haben, deren Angehörige sie finanziell nicht tragen können oder deren Familie sich nach heftigem Streit von ihnen abgewandt hat.

Im Moment leben 40 Senioren aus der Region in dem Heim, Männer und Frauen zu gleichen Teilen. Ein Bewohner freut sich immer besonders, mich zu sehen. Dann kann er seine Deutschkenntnisse auspacken, die er sich in den 1970er-Jahren in Deutschland angeeignet hat. In fast fehlerfreiem Deutsch bringt er mich so auf den neusten Kenntnisstand in Sachen Fußball.

Aus kulturellen Gründen verbringen meine Kollegin Sina und ich die meiste Zeit bei den Frauen. Jeden Montag und Donnerstag basteln wir gemeinsam, spielen Karten nach Farben und versuchen mit Luftballons und der improvisierten Minikegelbahn Bewegung in ihren Alltag zu bringen. Dabei ist ein Ziel auch, die tunesischen Angestellten zu inspirieren, damit sie selbst beginnen, kleine Aktivitäten für die Senioren anzubieten. So freut uns besonders, wenn sie sich neugierig mit an den Tisch setzten.

Da die Senioren nur selten Besuch von außerhalb bekommen, laden wir immer wieder tunesische Freunde mit ein, um sich ehrenamtlich zu engagieren. Sicherlich gibt es schönere Orte, die man besuchen könnte. Doch wo wird man so erwartungsvoll mit einem „Was arbeiten wir heute?“ begrüßt und mit einem „Wann kommt Ihr wieder?“ verabschiedet.